Wiens Bürgermeister
Wiens Bürgermeister
forciert das Miteinander

Michael Ludwig: “Werde sicher nicht zum Wadlbeißer”

Im Jahresauftaktgespräch mit schau blickt Wiens Bürgermeister Michael Ludwig auf ein in vielen Bereichen sehr schwieriges 2020 zurück. Gleichzeitig nährt er bei seinem Ausblick die Hoffnung auf ein Stückchen mehr Normalität im heurigen Jahr.

schau: Herr Bürgermeister, die Corona-Krise mit all ihren Auswirkungen, ein feiger Terroranschlag im November – ist 2020 ein Jahr, das Sie gerne aus Ihrer Erinnerung streichen würden?

Michael Ludwig: Die Corona-Krise hat im Vorjahr mit einem Schlag alle Lebensbereiche betroffen. Die Auswirkungen waren und sind stark, sei es im Gesundheitsbereich, am Arbeitsmarkt, beim Thema Wirtschaftsstandort oder im Bildungs­system. Von daher hoffe ich, dass wir mit dem Jahreswechsel und besonders mit der gleichzeitigen Verfügbarkeit der ersten Impfstoffe den Startschuss setzen konnten, damit wir schrittweise wieder in ein normales Leben wechseln können – ohne die vielen Einschränkungen, mit denen wir 2020 leben mussten.

Sie traten von Beginn der Krise an für ein Miteinander und den Dialog ein. Der absolut richtige Weg in solchen Situationen, wie es scheint. War das absehbar? Liegt Ihnen das im Blut?

Michael Ludwig: Für mich ist in meiner politischen Tätigkeit, aber auch im persönlichen Bereich das Miteinander immer sehr wichtig. Und ich glaube, besonders in der Bewältigung von Krisen ist dieses Credo von großer Bedeutung. Umso mehr war ich auch enttäuscht, dass wir als Stadt Wien dieses Miteinander angeboten haben und es von der Bundesregierung, zumindest bis zur Wahl im Oktober, nicht so angenommen wurde. Man erinnert sich sicher an das Schlechtreden, das „Wien-Bashing“.

Und wie man jetzt sieht, sind wir mit Niederösterreich und dem Burgenland das Bundesland mit den besten Zahlen, was die Infizierten betrifft. Von daher waren unsere Maßnahmen sicher richtig. Mir ist wichtig, dass wir über die ­Parteigrenzen hinweg gut zusammenarbeiten. Ich glaube, dass sich dieses Miteinander als besser herausstellt als das Schlechtmachen. Man kann mir manches vorwerfen, aber ich habe noch nie einen politischen Mitbewerber persönlich attackiert. Ich werde jetzt sicher nicht zum Wadlbeißer. Es reicht aus, einen Wettbewerb der Ideen zu führen. Demokratie heißt unterschiedliche Meinungen. Aber man sollte das so austragen, dass man sich nachher wieder in die Augen schauen kann.

Nach einem Jahr Corona, wie ist die Stimmung in der ­Bevöl­kerung? Wie werden die Maßnahmen mitgetragen?

Michael Ludwig: Das Ganze hat der Bevölkerung schon sehr viel abverlangt. Die Mehrheit hat sich immer an den Maß­nahmen orientiert, aber man merkt natürlich nach einem Jahr, dass die Bereitschaft bei den Menschen etwas abnimmt, manche Entscheidungen voll mitzutragen. Deshalb hoffe ich jetzt, dass es mit dem Impfstoff möglich sein wird, schrittweise zur Normalität zurückzukehren.

Wien hat mit einem sehr guten Test-Angebot neben den Massentests eine Vorbildrolle eingenommen. Soll dieses System für die Impfung übernommen werden?

Michael Ludwig: Die Impfung wird die Möglichkeit sein, wieder neue Freiheit zu bringen. Wir haben im Herbst einen Probelauf im Rahmen der Grippe-Impfung mit einem niederschwelligen, dezentralen Angebot durchgeführt, von Impfstraßen bis zur „Impf-Bim“. Wir konnten die Impfquote von acht auf 25 Prozent erhöhen. 420.000 Wienerinnen und Wiener ließen sich impfen. Das ist für mich ein Beweis, dass, wenn entsprechend informiert wird, die Impfbereitschaft steigt.

Bis aber ein großer Teil der Bevölkerung durchgeimpft ist, werden die Testungen weiter ein wichtiger Teil der Strategie sein und für mehr Sicherheit sorgen. Es soll in Wien nicht nur punktuelle Massentests ­geben, sondern ein durchgehendes kostenfreies System der Testungen allen Wienerinnen und Wienern zur Verfügung stehen. Das ist die einzige Chance auch im Hinblick auf Ver­anstaltungen, Sportereignisse und Gastronomie. 

Ist diese Zahl der Influenza-­Impfung ein Ziel, das auch für die Corona-Impfung gelten kann?

Michael Ludwig: Ich gehe davon aus, dass sich mehr Menschen gegen Corona impfen ­lassen werden. Mein Anspruch ist da höher. Waren manche skeptisch, kann es jetzt gar nicht schnell genug gehen. Wir pochen deshalb darauf, schon rasch mehr Impfdosen zu bekommen. Im Augenblick ist die Anzahl der Impfdosen der Flaschenhals. Wir rollen die Infrastruktur aus und sind vorbereitet.

Die Menschen freuen sich darauf, wieder die Stadt zu genießen. Wien hat gerade auch in der Krise gezeigt, was bei Veranstaltungen möglich ist und was nicht, zum Beispiel Film Festival oder aktuell der Eistraum … 

Michael Ludwig: Das Leichteste ist immer, alles zuzusperren. In einer Großstadt ist es ­notwendig, der Bevölkerung ein Angebot in sicherem Rahmen zur Ver­fügung zu stellen. Wir haben uns ­getraut, den Eistraum durchzuführen – selbstverständlich unter Einhaltung strengster Sicherheitsvorkehrungen wie teilweise Maskenpflicht, beschränkter Zutritt und Abstands­messer. Wir haben in Wien auch im Sommer das Film Festival mit einem ausgeklügelten Kojensystem durchgeführt. Deutlich weniger Publikum als sonst, jedoch konnten wir Kulturgenuss in Zeiten der Pandemie erfolgreich anbieten. Daneben haben wir es geschafft, mit „Sommer in Wien – Wien dreht auf“ eine niederschwellige kulturelle Belebung in ganz Wien anzubieten. 

Das heißt, so viel zulassen wie möglich unter den gegebenen Umständen und parallel Menschen zum Impfen motivieren. Aber eine Impfpflicht wird es nicht geben?

Michael Ludwig: Richtig, ich bin gegen einen Impfpflicht. Ich kann mir das auch schwer vorstellen. Wichtig ist, Information zu bieten und die Menschen nicht zu indoktrinieren. Wenn das klappt, bin ich davon überzeugt, dass sich die Menschen genauso wie gegen Tetanus, Polio, Diphtherie impfen lassen. Ich lasse mich auf ­jeden Fall dann impfen, wenn es für mein Alter vorgesehen ist. Denn nichts ist schlimmer als eine Privilegiendebatte à la „Politiker drängen sich vor“. 

Themenwechsel: Sie haben nach der Wien-Wahl mit der ersten sozial-liberalen Koalition zwischen SPÖ und NEOS für einen neuen Weg gesorgt. Fühlen Sie sich als politischer Pionier?

Michael Ludwig: Ich habe damals schon bei der Präsentation gesagt, dass es keine Entscheidung gegen eine Partei, sondern für einen neuen Weg war. Ich denke, in einer Demokratie macht es Sinn zu schauen, wo gibt es gemeinsame Inhalte, Dinge, die man zusammen umsetzen möchte. Wir beschreiten damit nicht nur für Wien, sondern auch für Österreich einen neuen interessanten Weg. Vielleicht findet das ja Nachahmer.

Michael Ludwig: Was man medial mitbekommt, dürfte die Zusammenarbeit ja gut funktionieren?

Michael Ludwig: Ja, wir haben uns im sehr umfassenden Regierungsprogramm mit mehr als 200 Seiten und mehr als 1.000 Projekten sehr viel vorgenommen für die Legislaturperiode. Nicht nur viel zu tun, sondern vor allem Inhalte, wo beide Parteien zeigen können, was sie in der Lage sind, gemeinsam umzusetzen. Vielleicht ist das auch ein spannendes Konzept für andere.

Aus dem Gesamtportfolio, welches sind die drei wichtigsten Projekte, die Sie herausheben möchten?

Zum einen hat sich in der Corona-Krise gezeigt, wie wichtig ein gut funktionierendes, öffentlich finanziertes Gesundheitswesen ist. Da wollen wir den nächsten Schritt gehen. Wir möchten nicht nur die ­Spitäler ausbauen, sondern auch zwölf niederschwellige Gesundheits­zentren zu bestimmten Themen in den Bezirken einrichten. Außerdem 36 Primärversorgungszentren, die die Ambulanzen und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte entlasten sollen.

Bedeutsam ist außerdem, dass wir ­gerade jetzt den Wirtschaftsstandort Wien weiter unterstützen wollen. Die Zusammenarbeit mit Niederösterreich und dem Burgenland soll intensiviert werden. Wir nehmen uns ein 600-Millionen-Euro-Investitionsprogramm zusätzlich zu den jährlichen Investitionen vor, das von Neubau bis zur Sanierung quer durch die Indus­trie- und Gewerbebereiche geht.

Der Arbeitsmarkt steht auch im Fokus …

Michael Ludwig: Das ist ein sehr wichtiger Bereich, der durch die Krise noch brisanter geworden ist. Hier haben wir uns zwei Zielgruppen besonders vorgenommen: junge Leute, die eine Lehrstelle suchen. Mit einer überbetrieblichen Lehrlingsstiftung möchten wir helfen, damit diese einen Lehrabschluss erhalten. Die zweite Gruppe sind die über 50-Jährigen, die am Arbeitsmarkt sehr unter Druck kommen. Diese Menschen wollen wir wieder in Arbeit bringen.

Bildung und Klimaschutz stehen auch noch auf der Agenda.

Wir haben in diesem Schuljahr an 70 Standorten die kostenfreie Ganztagsschule umgesetzt. Das möchte ich ­jedes Jahr um zehn Standorte erweitern. Diese Verschränkung von Schulunterricht und Freizeiteinheiten ist für Kinder eine gute Mög­lichkeit, sozialen Zusammenhalt zu lernen, sich für Musik oder Sport zu interessieren und die Unterstützung dort zu bekommen, wo sie sie brauchen. Selbstverständlich werden wir als Klimamusterstadt Wien auch den Klimaschutz in den nächsten Jahren nicht außer Acht lassen. Da stehen weitere engagierte Projekte an, die helfen sollen, dem Klimawandel in der Stadt zu begegnen. 

Ein sehr engagiertes Paket. Bleibt noch zum Schluss: Welche Frage wünscht sich Bürgermeister Michael Ludwig nicht mehr bei einem Jahresauftaktgespräch 2022 – Corona weg von der Themenliste?

Ja, auf jeden Fall. Vor allem möchte ich nicht mehr gefragt werden: „Wann kommt der nächste Lockdown?“

Vielen Dank für das Gespräch.