Im schau-Interview:
Im schau-Interview:
Schauspieler und Regisseur Matt Dillon

Matt Dillon im Interview: Der Träumer auf der Leinwand

Charakter-Darsteller, Teenie-Star, Filmemacher: Der Schauspieler und Regisseur Matt Dillon war bei der Viennale zu Gast und sprach mit dem schau-Magazin über den aktuellen Film „Land of Dreams“ sowie sein Lebenswerk und sein Traum-Notizbuch.

Ob Hollywoodproduktion oder ambitioniertes Independentcinema: Matt Dillon hat bewiesen, dass er beides kann. Auf der Viennale war der 57-Jährige vor Kurzem mit „Land of Dreams“ zu Gast – einem Roadmovie, das die iranischstämmige Künstlerin Shirin Neshat mit Shoja Azari inszeniert hat. Schau hat den Darsteller und Regisseur bei seinem Wien-Besuch getroffen.

schau: War „Land of Dreams“ beim Dreh auch so ungewöhnlich wie beim Anschauen?

Matt Dillon: Es war jetzt nicht völlig verrückt, aber es war auch nicht wie ein typischer Job. Es war klar: So einen Film macht nur ­Shirin Neshat. Sie ist wirklich cool.

Im Film zeichnet die Regierung die Träume der Menschen auf, um sie so verstehen und kontrollieren zu können. Wie stehen Sie zu diesem Filmthema?

Ich liebe Träume in Filmen. Als ich bei meinem ersten Film „City of Ghosts“ 2002 Regie geführt habe, habe ich Traumsequenzen gedreht, die ich wirklich mochte. Aber als die Leute vom Studio den Rohschnitt sahen, war das Erste, was sie sagten: „Kannst du die Traumsequenzen loswerden?“ Das war einer der Gründe, warum ich jetzt diesen Film gemacht habe.

Sind Sie jemand, der sich an seine Träume erinnert?

Nur, wenn ich sie gleich aufschreibe. Sonst habe ich sie bis zum Frühstück vergessen. Eine Weile lang habe ich meine Träume in einem Notizbuch festgehalten, und meine Therapeutin hat sie dann interpretiert. Sie war großartig darin, ich war sehr beeindruckt. Das ist auch das Spannende in diesem Film: Die Träume sind quasi die letzte Bastion, die uns gehört, und man will in ­unsere Psyche eindringen.

Die großen amerikanischen Landschaften im Film sind atemberaubend. Haben Sie so etwas wie Lieblingslandschaften?

New Mexico hat diese natürliche, atemberaubende Schönheit. Wir ­haben in einem Reservat bei amerikanischen Ureinwohnern gedreht. An Orten wie diesen schwingt die Vergangenheit mit. Es ist ungezähmter, auf eine gute Art. Ich selbst habe eigentlich keine Lieblingsorte, aber ich mag die Tropen.

In „Land of Dreams“ spielen Sie einen Security-Typen. Im echten Leben hatten Sie schon mit 14 Jahren Ihren ersten Filmauftritt. Hatten Sie jemals so eigenartige Jobs, wie man sie als junger Mensch normalerweise so hat?

Ich habe schon Zeitungen ausgetragen mit elf, zwölf Jahren. Aber als ich Schauspieler wurde, habe ich mir nie vorgestellt, dass ich je ­irgendetwas anderes machen will. Vielen meiner Kollegen, die früh angefangen haben, ging es genauso. Erst später kam das Schreiben dazu, die Regie, die Kunst.

Sie sind schon lange im Geschäft. Haben Sie das Gefühl, Ihre Arbeitsbiografie unterteilt sich in Kapitel oder gab es eher eine kontinuierliche Entwicklung?

Interessanterweise stimmt beides. Es gibt schon bestimmte Meilensteine –  etwa mit Francis Ford Coppola zu arbeiten, „Drugstore Cowboy“ zu drehen, zum ersten Mal selbst Regie zu führen oder bei der Komödie „Verrückt nach Mary“ 1998 mitzuspielen. Ich würde sagen, das waren verschiedene Kapitel meiner Karriere. Andererseits: Es gibt schon auch diesen Flow, die Gesamtentwicklung. Eines der guten Dinge am ­Älterwerden – und ganz ehrlich, so viele sind es nicht – ist die Tatsache, dass man die Komplexitäten des ­Lebens begreifen kann. Das hilft mir auch in der Arbeit. Dass man sich im Klaren darüber ist, wie man gerne arbeitet. Ich habe erkannt, was ich nicht weiß, ist oft viel interessanter als das, was ich weiß. So ist man auch offen für neue ­Ent­deckungen. Insofern finde ich, meine Fehler sind besser als meine ursprünglichen Ideen, weil man so mehr dazulernt.

Drehen Sie wieder einen Film?

Ich habe gerade „El Gran Fellove“ gedreht: eine Dokumentation über einen kubanischen Scat-Singer. Ich bin sehr stolz darauf, aber es war schwierig. Es ist leichter, wenn es im Leben des Protagonisten ein „aus­lösendes Moment“ gibt – zum Beispiel „dann wurde er des Mordes bezichtigt“ oder „dann hat er den großen Preis gewonnen“. Der Protagonist im Film ist ungemein dynamisch, in seinem Leben gab es aber keine sensationellen Ereignisse. Also muss man die universellen Dinge über die Bedeutung des Lebens erkunden. Was ist Enttäuschung? Wie kommt man über gewisse Dinge hinweg? Das ist gar nicht so einfach. Vor allem, weil ich dazu neige, immer gleich enzyklopädisch zu werden bei den Dingen, die ich liebe. Wo es bei Dokumentationen spannend wird, ist immer das Gefühl, erst danach kommt die Information. Man kann die Information aufnehmen, wenn man eine Verbindung empfindet. Sonst sind es nur Fakten, Nummern, Daten und Information.

Vielen Dank für das Gespräch.

Kleine Filmografie

Matt Dillon, geboren 1964 in New Rochelle, New York, drehte bereits 1983 mit Francis Ford Coppola „The Outsider“. Es folgten „Rumble Fish“ sowie „Drugstore Cowboy“, 1998 „Verrückt nach Mary“. 2020 war Matt Dillon in „Capone“ zu -sehen und Jury-Mitglied beim Filmfestival von Venedig. Dort hatte sein jüngster Film „Land of Dreams“ 2021 Premiere. Er selbst drehte 2020 „El Gran Fellove“, eine Dokumentation über einen kubanischen Musiker.