Stromversorgung
Stromversorgung
auf wackligen Beinen

Energieversorgung: Droht der große Blackout?

Gefahr Blackout: Nachdem ganz Europa im Jänner nur knapp an einem riesigen Stromausfall vorbeigeschrammt ist, mehren sich die Sorgen, wie sicher es um die Versorgung bestellt ist. schau hat nachgeforscht.

In vielen Teilen der Welt ­gehören Stromausfälle zum Alltag. In Mitteleuropa sind sie eher eine Ausnahme. Das Stromversorgungssystem gilt als das beste der Welt. Dennoch war es am 8. Jänner des heurigen Jahres knapp. Um 14.05 Uhr brachte eine plötzliche Netzauftrennung in Südosteuropa das europäische Stromnetz an seine Grenzen. 

Auch bei uns lieferten viele Kraftwerke sofort Energie zur Netzstabilisierung nach. Das ­Sicherheitsnetz griff. Noch ein Mal gut gegangen. Ob das beim nächsten Mal wieder so gelingt, ist unklar. Geblieben ist die Unsicherheit vor einem riesigen Stromausfall. 

Rechtzeitiger Weckruf?

Der Beinahe-Blackout ist der zweitschwerste derartige Vorfall im europäischen Stromnetz. Im November 2006 mussten nach einer Großstörung aufgrund einer Fehlplanung zehn Millionen Haushalte in Westeuropa vom Netz getrennt werden. 

Heuer wurde schnell mit dem Finger auf die erneuerbaren Energien gezeigt. Wind- und Solarenergie im Strommix seien zu volatil, weil nicht steuerbar, und sorgen deshalb für ­Instabilität im Netz. Großflächige Ausfälle sind unausweichlich. Doch die Ursache lag schlussendlich ­woanders: eine Netzüberlastung in Südosteuropa mit automatisiertem Abschaltprozess. Wie beim Schneeballeffekt führte ein Ausfall zum nächsten. Schon geringe Spannungs­schwankungen können demnach zu starken Störungen in der Produktion oder zu Ausfällen bzw. zur Gefährdung von Lieferketten führen. Droht uns wirklich Ungemach?

Auf Crashkurs

Für einen ist ein Blackout ein absolut realistisches Szenario. Krisenversorgungsexperte Herbert Saurugg beschäftigt sich seit rund einem Jahrzehnt mit den Entwicklungen im europäischen Stromversorgungssystem. Er meint: „Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Jahren einen europaweiten Ausfall erleben werden.“ Ergänzt aber: „Man muss sich nicht fürchten, aber ernst nehmen sollte man die Bedrohung schon.“ Für Saurugg geht es dabei aber nicht um ein bestimmtes Datum, sondern um die Kurzfristigkeit: Entscheidend ist, wie wir damit umgehen können. Es wäre fahrlässig, keine Vorsorge zu treffen.“ Sicherheitsmechanismen seien zwar vorhanden, diese können in einem solchen Großsystem aber niemals real ­getestet werden, womit gewisse Unsicherheiten bestehen bleiben, führt der Experte aus. 

Auch im Entweder-oder-Denken und der sofortigen Suche nach Schuldigen sieht Saurugg eine Gefahr: „In komplexen Systemen gibt es kaum einfache Ursache-Wirkung-Beziehungen. Erzeugung und Verbrauch müssen im Einklang liegen, denn Strom kann man im Netz nicht speichern. Und kleine Ursachen können extreme Auswirkungen ­haben.“ Der Krisenexperte sieht ­natürlich auch einen Einfluss der ­erneuerbaren Energien, da man sich hier ja aktuell nur auf die Erzeugung konzentriert. Die ganze Stromversorgung ist ein Zusammenspiel von vielen Parametern in einem komplexen System, das schon seit Jahren unter Stress steht, so Saurugg. Viele Dinge erfordern also viele Lösungen, und die gilt es zu finden. Ein singuläres Patentrezept gibt es laut Saurugg nicht. „Hackerangriffe, Extremwetterereignisse sowie technisches oder menschliches Versagen sind dann nur mehr der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ 

Energieversorger auf Blackouts vorbereitet?

Grundsätzlich sieht der Krisenexperte die heimischen Netzbetreiber gut vorbereitet. Aber er gibt zu bedenken, dass Österreich Teil eines großen Verbundsystems ist, in dem gilt: mitgehangen, mitgefangen! In Österreich betreibt die Austrian Power Grid AG (APG) das Über­tragungsnetz und sichert mit ihrer Infrastruktur die Stromversorgung. Das Netzgebiet der APG bildet eine eigenständige Regelzone im zusammen­geschalteten kontinentaleuropäischen Stromnetz. Unternehmenssprecher Christoph Schuh weiß: „Ereignisse wie jene am 8. Jänner sind ernst zu nehmende Krisensituationen. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass das europäische Verbundnetz in den vergangenen Jahrzehnten nachhaltig, sicher und qualitativ hochwertig Europas Regionen mit Strom versorgt hat.“ Zumindest auf Österreich trifft das auch ohne Zweifel zu: Der letzte Großstörungsfall in Österreich ereignete sich am 13. April 1976. 

Die Gefahr eines nahenden Blackouts sieht Schuh nicht unbedingt: „Diverse Mechanismen sollen verhindern, dass es zu Stromausfällen kommt. Wir haben im Jänner die vorgesehenen Regelreserven aktiviert und abgerufen. Innerhalb von einer Stunde ist uns gemeinsam mit allen anderen Betreibern gelungen, die Frequenzstörung zu beheben. Wenn Sie so wollen, haben wir diesen Belastungs­test bestanden.“ 

Was bringt die Zukunft?

Gute Vorbereitung hält Schuh dennoch für absolut essenziell, um einen Blackout zu verhindern: „In Österreich gibt es mehrere Ebenen der Prävention. Unter anderem finden regelmäßige Krisensimulationstrainings statt, an denen die wesentlichen Akteure der Energiewirtschaft teilnehmen.“ Andererseits sind weitere Investitionen im Bereich der Stromnetze geplant. Alleine die APG investiert 3,1 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren in Kapazitätserhöhung bzw. die Digitalisierung der Strominfrastruktur. 

Klingt alles ganz gut, oder? Ein Satz bleibt trotzdem hängen: mitgehangen, mitgefangen …